In der Ferne

Ein halbes Jahr in Indien. Hier schreiben wir unsere Erlebnisse nieder. Fuer Euch umsonst, natuerlich.

Montag, Dezember 12, 2005

Guru Check-up - letzter Teil

Und wieder um eine Erfahrung reicher.

Nachdem ich zwei Tage lang mit mir gerungen habe, habe ich mir letztenendes doch das Osho Meditation Resort in Pune von innen angesehen, wo ‘eine Gesellschaft voll von Taenzern, Saengern und Kuenstlern’ dem grauen Alltag entflieht – und nebenbei noch ein wenig was fuers Seelenheil tun moechte.
Gut 15 Jahre nach dem Tod des populaersten, aber auch umstrittensten indischen Export-Gurus Bhagwan Rajneesh, der sich in seinen spaeten Jahren in Osho umtaufte, zieht sein Vermaechtnis immer noch Scharen von Westlern sowie langbaertigen Indern in seinen Bann. Ins Resort herein kommt aber nur, wer eine fuer indische Verhaeltnisse nicht geringe Menge Rupien abdrueckt, zudem will eine weinrote sowie eine weisse Robe erstanden werden, Aehnlichkeit schafft schliesslich Vertrauen (und nebenbei noch etwas Profit).

Wer angesichts des immerhin offensichtlichen Kommerzes nicht an den Motiven der ‘Sanyasins’ zweifelt (diesen Namen fuer seine Anhaenger hat Osho uebrigens den Hindus geklaut – dort sind Sanyasins allerdings Erleuchtung suchende, die allen materiellem Besitz entsagen – eine nicht gerade subtile Ironie) findet einen opulenten Freizeit-Meditations-Park mit grossem Swimming Pool, Sauna, Fitness-Trakt sowie stylishen Outdoor-Restaurants. Nebenbei werden aufgepeppte Zen-Meditationen sowie zahlreiche Kurse zur Selbstfindung angeboten. Die Besucherschar, als ich da war, moegen etwa fuenfhundert andere da gewesen sein, teilt sich in Verzweifelte, Exotik-Touristen sowie Hardocore-Devotees.

Ja, und wie wars? Nun, die koerperlich anstregendenen Power-Meditationen waren ganz nett, wenn auch nicht weltbewegend. Viel tanzen, so ausgelassen wie moeglich - das liegt mir ja nicht wirklich fern ;) Die Leute, mit denen ich sprach, waren durchaus nicht alle perrueckt und mein Gott – sollense lieber dahin fahren, als dass sie androgynen Center-Parks ihr Geld in den Rachen schmeissen.

Andererseits war die Huldigung, die Osho, der angeblich gar kein Guru sein wollte, in weiten Teilen entgegengebracht wurde, schon ziemlich erschreckend. Naeheres zu diesem Aspekt gibts in folgender, gut geschriebenen Selbsterfahrungsreportage. Die Einschaetzung des Autors, vor allem in den letzten beiden Absaetzen, kann ich nur unterstreichen: Ohne Osho koennse nicht, und manche zartbesaitete Seelen gehen ausserhalb der Ashram-Mauern tatsaechlich ein wie Primeln.

So auch die Deutsche in den Mittfuenzigern mit tiefen Augenringen. die ich am letzten Abend in einem Café nahe des Ashrams kennenlernte. Ehemals gluehende Verehrerin, wohnt sie seit einem Jahrzehnt in Pune und schlaegt sich als Masseuse so durch. Den Eintritt ins Ashram kann sie sich schon lange nicht mehr leisten. Heute lebt sie in einer Welt, wo "die ‘people power’ moederisch geworden ist, wo der ‘Speed die Menschen umbringt, wo es keine Kommunikation mehr gibt, wo alles beschissen ist." Sie war echt bemitleidenswert.

Und fuer mich steht jetzt fest: Von Gurus hab ich die Nase voll.

Ach ja, oben stehendes Foto entstand waehrend einer Totenfeier, bei der der Leichnam eines Devotees, der einem Herzinfarkt erlag, in einer Karnevelsaehnlichen Prozession zum nahegelegenen Fluss gebracht und verbrannt wurde. Dabei wurde gesungen und getanzt, eine nur fuer Aussenstehende befremdliche Atmosphaere – schliesslich ging es fuer den Toten auf ins naechste Leben.

Robin