In der Ferne

Ein halbes Jahr in Indien. Hier schreiben wir unsere Erlebnisse nieder. Fuer Euch umsonst, natuerlich.

Sonntag, Oktober 16, 2005

The Naxal Challenge


Was einen Aufenthalt in einem fremden Land unvergesslich macht, ist der Ruch des Abenteuers. Das Gefühl, sich in eine Situation begeben zu haben, die das Adrenalin in den Schläfen pochen lässt – das ist es doch, was wir Fernreisenden wollen.

Nun, von der komfortablen India Light-Blase Manipal aus muss man gar nicht so weit in die Ferne schweifen, um in den Genus eines solchen Erlebnisses zu kommen.

Mit dem Vorhaben, einen in den Dschungel gehauenen Wasserfall zu sehen, quetschte ich mich letzten Samstag zusammen mit Kristina in den Bus nach Agumbe. Zweieinhalb Stunden später, in denen sich der Bus durch neblige Serpentinen schlängelte, erreichten wir unser Ziel: Ein winziges Nest, ein paar hundert Meter über Normalmull. Da kein Wegweiser Richtung Wasserfall vorhanden, machten wir uns auf die Suche nach dem menschlichen Wegweiser und trafen einen Geschichtslehrer aus Mysore, der uns auseinandesetzte, dass er uns von einem Abstecher zum Wasserfall abraten würde. Es würde gleich anfangen zu regnen, es gebe Blutegel da und Königs-Cobras wären dort auch gesichtet worden.

Nun sind weder ich noch Kristina als an Lebenserfahrung reiche Biologin so einfach abzuschrecken. Der Lehrer sah sich also gezwungen, noch eins drauf zu packen und erzählte von der Naxal-Terror-Group, die in der Nähe eines anderen, größeren Wasserfalls gesichtet worden war. Was für eine Gruppe? Das liess sich leicht klären. Durch eine wundersame Wendung des Schicksals hatte sich Kristina noch auf der Busreise ein indisches Nachrichtenmagazin gekauft, dessen Cover der rote Schriftzug ´The Naxal Challenge´ zierte. Wir beschlossen, auf Anraten des Lehrers zum Übernachten nach Sringerie zu fahren, wo gerade mal wieder ein Festival stattfand, und uns dort über diese Naxals zu informieren.

Wie sich herausstellte, ist die Naxalite-Group ein nicht gerade friedlicher, maoistischer Guerilla-Haufen, der sich vor einem Jahr in Form einer Partei institutionalisierte. Dieser Schritt tat einigen z.t. blutigen Scharmützeln mit der Polizei aber keinen Abbruch. Nun, was tun? Wir besuchten erstmal den Tempel, wo es interessante Sangesaufführungen und eine orthodoxe Zermonie mit dem örtlichen Swamji, einem eher kräftigen, froschäugigen Typen, zu bewundern gab. Am nächsten Morgen beschlossen wir, nochmal nach Agumbe zu fahren und die Lage zu checken.

Der Lehrer war nicht zu sehen. Durch eine leichtsinnige Laune der Natur mieteten wir uns eine Rick und liessen uns für 35 Rupies (statt der geforderten 80) zum Wasserfall bringen. Der befand sich nur einen kurzen Hike bergabwärts durch den Dschungel entfernt und war gelinde gesagt enttäuschend. Wir beschlosen, noch ein Stück durch den Wald zu wandern. Dann meldetet sich bei mir ein ungutes Bauchgefühl, das mit jedem Schritt größer wurde. Ich überredete Kristina zum Umkehren. Zurück auf der Straße entdeckten wir, dass es sich ein paar fettgwordene Blutegel an unseren Füßen bequem gemacht hatten. Yummi! Kein schöner Anblick, dass. Zurück in der Zivilisation dinierten wir in einem sehr einfachen Restaurant, als mir ein vergitterter Transporter auf der gegenüberliegenden Strassenseite ins Auge fiel. Nach dem Essen kam der Fahrer auf mich zu und suchte einen kleinen Plausch. Wie sich herausstellte, war der Herr Polizist. Er infomierte mich in gebrochenem, aber noch verständlichem Englisch darüber, dass die örtliche Truppe sich in Bereitschaft halte. Es sei möglich, dass sie jederzeit zu einem Einsatz gegen die Naxals gerufen werden.

Kristina und ich sahen uns an und sagten erstmal nix. Kurz nachdem wir die örtliche Busstation erreichten, begann es zu regnen wie aus Kübeln. Der Regen hörte bis Manipal nicht mehr auf. Ich hatte mein klassisches Fernreisenden-Erlebnis in der Tasche – und glaube spätestens seitdem fest daran, dass da oben jemand ist, der es sehr gut mir meint.

Robin