In der Ferne

Ein halbes Jahr in Indien. Hier schreiben wir unsere Erlebnisse nieder. Fuer Euch umsonst, natuerlich.

Dienstag, September 06, 2005

Kulturbotschaften

Wenn mich vor dem Indien-Trip jemand gefragt hätte, was in den vier Monaten Manipal garantiert nicht passiert, hätte ich vielleicht geantwortet: Einhundert Inder in traditioneller Kleidung bejubeln Kirsten, Maren, Henning und mich geradezu frenetisch, weil wir zuvor im Schunkel-Takt „An der Nordseekueste“ geschmettert haben – und ich wache anschließend nicht in meinem Bett auf. Nun, so kann man sich irren: Denn überraschenderweise ist genau selbiges gestern passiert.

Der Grund: Am 5. September werden beim MIC zwei Moral-Fliegen mit einem Feiertag geschlagen (an dieser Stelle schönen Gruss an Christian;): Beim „Teachers Day“ wird sowohl den Lehrern des Landes als auch der Tradition gehuldigt. Zu verdanken ist das dem ersten indischen Staatspräsidenten Sarvapalli Radhakrishnan. Der erklärte seinen Geburtstag ziemlich unbescheiden einfach mal selbst zum Nationalfeiertag, verfügte aber immerhin, dass nicht nur ihm, sondern auch der Berufsgruppe der Lehrer an diesem Tag gehuldigt werden sollte.

So sei es, sagt sich also der indische Schüler/Student, und kredenzt all seinen Lehrkräften ehrfürchtig Rosen, während er sich ein wenig errötend für all die erhellenden Lektionen bedankt. So ist es aber nicht mehr! erkennt mit einem leichten Seufzen das MIC-Rektorat und verbindet den „Teachers Day“ mit einem „Ethnic Day“. Also kommen alle Mädels in farbenprächtigen Saris und die Jungs hüllen sich in Kurtis, knielange, verzierte Gewänder, die im Extremfall aussehen, wie frisch vom Papst geklaut. Die Dozenten bekommen ihre Glückwunschkarten, im Gegenzug fällt der Unterricht aus. Angenehm, diese indischen Feiertage!

Nachmittags wird’s aber noch besser: Denn da folgt eine Versammlung in der Aula des MIC, bei der die Studenten, so die Vorab-Info, den Dozenten zu Ehren traditionelle Lieder aus ihren jeweiligen Heimat-Bundesstaaten vorführen sollen. Und so kommt es dann, dass wir Zeugen von Ein-Mann-Tanz-Einlagen, ausgefeilten Girl-Group-Choreographien, „California Dreamin“ im Kanon und tatsächlich auch jeder Menge Hindi-Songs werden – aber auch bestürzt feststellen, dass alles mit unverschämt akzeptablem Timbre vorgetragen wird. Irgendwann nennt dann Radjiv, der den Ansager mimt, unsere Namen. Gekreische wie bei einem Backstreet Boys-Konzert setzt ein, die Menge teilt sich, es bildet sich eine Gasse und gefühlte eine Million Augenpaar verzehren sich in Spannung, was die Germans denn kulturell so zu bieten haben.

Verflucht, hätten wir mal auf das sichere Pferd Schuhplattler-Bierwettsaufen gesetzt, denke ich noch, und schleiche mit wackligen Knien und nervösem Grinsen nach vorn... Lampenfieber war aber gar nicht nötig, denn die Begeisterung ob unserer Auftritts ist so groß, dass das Publikum bei den Zwischenklatschern vor der Textzeile ´...am plattdeutschen Strand´ jedes Mal zu einem frenetischen Schlus-Applaus miteinstimmt – und dann doch irgendwie überrascht ist, das wir unbeirrt weitersingen.

In der Rückblende fügt sich dann doch alles zu einem gelungenen Abend zusammen, den auch Henning sichtlich genoss; hatte er doch endlich mal die Gelegenheit, seinen Lungi auch ausserhalb des Hotel-Zimmers zu tragen.

Robin