In der Ferne

Ein halbes Jahr in Indien. Hier schreiben wir unsere Erlebnisse nieder. Fuer Euch umsonst, natuerlich.

Freitag, August 05, 2005

Indokratien

Bürokratie. In Deutschland war das für mich das lästige Ausfüllen verschiedenfarbiger Formulare beim Arbeitsamt, die Warterei auf meinen Telefonanschluss und der Bafög-Antrag. Nervig, keine Frage. In Indien jedoch, da spielt die Bürokratie (dank der englischen Kolonialzeit) in einer anderen Liga, einem anderen Stadium, ja schlicht und einfach auf einem anderen Planeten. Auf Indokratien. Tatsächlich habe ich mich in Indokratien oft dabei ertappt, wie ich mit versonnenem Blick von Wartemarken, Gummibäumchen und Strickpullovern an Sachbearbeiterinnen-Haut geträumt habe. Zum Träumen hat man in Indokratien nämlich viel Zeit. So warteten wir eine geschlagene Stunde vor Chief Wardens Büro auf einen Beleg zum Bezahlen unseres Guest-House-Zimmers, obwohl in selbigem Büro sechs Leute ihre Akten hin und herschoben. Die manchmal etwas gemaechliche Arbeitshaltung ist jedoch nicht das einzige Problem: Beim Mobilfunkanbieter Hutch saßen wir dem Verkäufer direkt gegenüber, brauchten aber trotzdem anderthalb Stunden, bis wir unsere SIM-Karte in Empfang nehmen konnten. Vorher mussten Anträge ausgefüllt, Kopien ausgehändigt und Fotos gemacht werden (eine Massnahme, die wir 9/11 zu verdanken haben). All dies waren jedoch nur undeutende Archipel von Indokratien. Das erste Mal ans Festland dieses unwirtlichen Gestades stießen wir erst, als die Verlängerung unserer Visa anstand.
In naivem Urvertrauen an das Gute und lediglich mit einer Schulbescheinigung und unseren Pässen lächerlich unterbewaffnet wurden wir von dem Registrar, tatsächlich der erste wirklich unfreundliche Inder, der mir begegnete, in die Rafinessen indokratischer Bürokratie eingeweiht. Für die Visumsverlängerung bräuchten wir a) 4 Kopien vom Pass b) 4 Kopien vom Viusm c) 4 Kopien der Schulbescheinigung d) eine weitere Schulbescheinigung vom MAHE, davon natürlich auch 4 Kopien e) ein ausgefülltes, 4fach kopiertes Antragsformular f) 4 Passfotos sowie zu guter Letzt g) ein indisches Bankkonto. Mindestens vierfaches Nachfragen und Beteuern, dass wir alle ein Konto hätten und kein neues wollten stieß auf ein Mauer des Amts-Starrsinns, der selbst durch ein Erdbeben nicht zu erschüttern gewesen wäre. Selbst als Henning mehrfach den Namen „Pai“ in unser Lamento einstreute (sonst für die Manipalianer das Signal für Habachtstellung), blieb der Registrar ungerührt.
Etwas blass um die Nase wandten wir uns direkt im Anschluss an Jerry Joseph, den zuverlaessig-netten Executive Manager am MIC. Dieser zog zwar ebenfalls die Augenbrauen hoch, als er den Forderungskatalog des Registrars sah, erklärte uns aber, dass Maren, Henning und ich zum Glück gar keine Visa-Verlängerung brauchten, da wir ohnehin nicht länger als 180 Tage am Stück in Indien bleiben würden. Nur unserer erfahrungshungrige Kirsten war gekniffen, fand aber im coolen Jerry einen verständnisvollen Indokratien-Führer, der im Handumdrehen die nötigen Formulare besorgte und mit ihr das Bankkonto eroeffnete. Ausserdem servierte der coole Mr. Joseph noch ein Paar Schmankerl aus Indokratien:
Für einen Personalausweis muss der gemeine Inder sieben Formulare ausfüllen, die 8 bis 10-mal kopiert werden muessen, um alle Verwalter Indokratiens zufrieden zu stellen. Auch das Umtauschen indischer Rupien in Dollar geht nicht ohne Formulare ab, Maya musste vor einer Vortragsreise ein paar Stunden auf der Bank abhaengen und detailliert angeben, wozu sie denn so viele Dollars braeuchte.

Kopfschuettelnd und belustigt verliess ich danach das MIC und begab mich zum Schwimmbad. Wenigstens hier könne man doch ungestört...aber zu früh gefreut: Um in dem Unischwimmbad schwimmen zu gehen, muss erste ein Formular ausgefüllt werden, mit dem man im Office bezahlen müsse - anschließend dürfe ich dann von der Universität die 500 Meter zurück zum Schwimmbad gehen. Ich tat einen tiefen Seufzer, rieb mir die Augen und ertappte mich dabei, wie ich abermals von Wartemarken und Gummibäumen in deutschen Amtsstuben träumte.

P.S.: Dieser Darstellung ist aus dramaturgischen Gruenden etwas ueberspitzt. Tatsaechlich bemueht man sich hier durchaus, die laestige Buerokratie abzubauen. So war das Eroeffnen des Kontos gar nichts so zeitraubend, wie befuerchtet. Auch im Schwimmbad erklaerte sich der Bademeister kurzerhand bereit, nicht nur mein, sondern auch drei andere Formulare fuer meine Mitreisenden zu unterschreiben. Und ansonsten ist in allen Buerokratie-Fragen Mr. Jerry Joseph ein netter, zuverlaessiger, absolut vorbildlicher Betreuer fuer auslaendische Studenten.

Robyassin